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Großartige Passion im Limburger Dom

Unvergessliches Hörerlebnis mit Solisten, Barockensemble und Domchor
Großartige Passion im Limburger Dom
Großartige Passion im Limburger Dom

 Christgeburt und Christi Tod, Weihnacht und Passion, diese beiden Brennpunkte haben sich in der abendländischen Kunst und Kultur weit über tausend Jahre hindurch als unerschöpfliches Thema eingeprägt. Nicht als legendäre Motive neben anderen, sondern als Motive, die ganz bei den Ursprüngen des Christentums stehen, Während sich mit dem Weihnachtserlebnis mythische Lichtmotive verbinden, ist die Passion ein ausschließlich christliches Motiv, dessen Strahlung sich auf dem Weg nach Golgotha zum Kreuz einengt und abdunkelt. Johann Sebastian Bach (1685-1750), gläubiger Lutheraner, besinnt sich in seiner dramatischen Johannespassion wie kaum ein anderer auf diese Ursprünge. 1724 schuf der Leipziger Thomaskantor mit dieser Passion dieses theologische wie musikalisches, sein lutherisches wie christliches Bekenntnis.

Religiösen Bekenntnischarakter hatte die Aufführung von Bachs Johannespassion (BWV 245) durch Aline Wilhelmy (Sopran), Franziska Orendi (Alt), Julian Habermann (Tenor), Sebastian Kunz (Bass), Michael Feyfar (Evangelist) und Florian Rosskopp (Christus), das Barockensemble am Dom zu Limburg und den Limburger Domchor unter der Leitung von Domchordirektorin Judith Kunz in den Abendstunden des vierten Fastensonntages "Laetare" im Hohen Dom zu Limburg, der fast bis auf den letzten Platz besetzt war.

Domchor beeindruckt mit Klarheit und Prägnanz

Der Anfangschor "Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist!" gehört zu den eigenartigsten und eindrucksvollsten Stücken. Er setzt nach einem Orchestervorspiel ein, das die Tonart g-Moll festlegt, die man als Grundton dieser Passion bezeichnen darf. Nach dem dreimaligen machtvollen Anruf "Herr! Herr! Herr! und dessen bewegter Ausgestaltung in "rollenden" Sechszehntelläufen setzten die Damen und Herren des Limburger Domchores mit einem großartigen Fugato ein. Schon dabei erwiesen sich die Vokalisten des Chores wie auch im späteren Verlauf als bestens ausgebildet und blieben während polyphoner Teile, wie beispielsweise dem "Lasset uns den nicht zerteilen" mit seinen reichen Koloraturen, nichts schuldig.  Dem Limburger Domchor gelang es ohne jegliche Mühe, mit seinen erfreulich gelöst, schlank und leicht geführten Stimmen transparent zu singen und ein sehr hohes Maß an Homogenität zu erzielen. Auch chromatische Wendungen, wie die vor allem im zweiten Teil, der ganz unter dem Zeichen von Kreuz und Auferstehung steht, traten in den Oratorienchören "Wäre dieser nicht ein Übertäter" und "Wir dürfen niemand töten" durch die geschmeidig geführten Stimmen mit Klarheit und Prägnanz wirkungsvoll hervor.

In die Herzen der Hörer

Ein unvergessliches Erlebnis schenkte die Altistin Franziska Orendi den Besuchern in der theologisch im Mittelpunkt der Passion stehenden Arie "Es ist vollbracht". Die schlanke, runde Stimme mit ihrem sonoren, ausdrucksvollen Charakter, einer Tonschönheit in allen Lagen und einer geschmeidigen Biegsamkeit schloss die Herzen der Hörer geradezu auf. Neben den stimmlichen Vorzügen der Altistin konnte der Tenor Julian Habermann seinen anspruchsvollen Part mit durchdachter Phrasierungskunst bestens bestehen. Musikalische wie auffallend intensive sprachliche Gestaltungskraft, nicht nur in den Rezitativen, sondern vor allem in den Arien, bewies der Bassist Sebastian Kunz, während Florian Rosskopp (Christus) und Michael Feyfar (Evangelist) den Gefühlsreichtum Bachser Oratorienkunst mit einer versierten Technik und gewandten Artikulation treffend zum Ausdruck brachten. Mit Aline Wilhelmy hatte man eine wunderschön sensibel, feinnervig, weich und klar singende Sopranistin verpflichtet. 

Farbliche Klangbilder des Limburger Barockensembles

Wie Bach bestimmte Teile der Leidensgeschichte zu einzigartiger vokaler und instrumentaler Dramatik steigert, ist jedem, der die von religiöser Tiefe geprägte Aufführung in der Kathedrale miterlebt hat, bekannt. Einen sicheren Anteil an der Schönheit und Charakterisierungskunst des Oratoriums hatten die versierten Musiker des Barockorchesters am Dom zu Limburg. Besonders die Instrumentalsolisten, Streicher wie Holzbläser, bemühten sich um eine differenzierte Gestaltung, die vor allem während der Arien zum Klingen kam und ein farbiges Klangbild ergab. 

Die Kontraste, die die Limburger Domchordirektorin Judith Kunz mit Barockorchester und Domchor in der Passion schlüssig und wunderbar aufzeigte, gipfelten in der lieblichen und dichten Ausformung des Chores "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" und dem bekenntnishaften schlichten Schlusschoral "Ach Herr, laß dein lieb' Engelein", der zu Recht der "Choral aller Choräle" genannt werden darf. Ergriffen verließen die Besucher nach einer angemessenen Stille und einsetzendem Geläut das Gotteshaus.

Autor: Frank Sittel für Nassauische Neue Presse

© Bild: Dommusik